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Viele kleine Fragen – und plötzlich ein großer Schluss
Stell dir folgendes Gespräch vor:
Anna:
„Findest du, dass wir unnötige Ausgaben vermeiden sollten?“Ben:
„Natürlich.“Anna:
„Und sollten Anschaffungen einen erkennbaren Nutzen haben?“Ben:
„Ja.“Anna:
„Und wenn wir ein vorhandenes Gerät kaum benutzen, brauchen wir dann wirklich noch ein zweites?“Ben:
„Wahrscheinlich nicht.“Anna:
„Dann sind wir uns also einig, dass wir den neuen Fernseher nicht kaufen sollten.“
Ben hat mehreren einzelnen Aussagen zugestimmt. Aber wusste er von Anfang an, auf welche Schlussfolgerung Anna hinauswollte?
Was Schopenhauer beschreibt
Bei Kunstgriff 4 geht es um den Aufbau eines Schlusses.
Schopenhauer empfiehlt, die beabsichtigte Schlussfolgerung zunächst nicht erkennen zu lassen.
Stattdessen sollen die benötigten Prämissen (Voraussetzungen eines Schlusses) einzeln und verstreut im Gespräch zugestanden werden.
Der Gesprächspartner soll die spätere Schlussfolgerung möglichst nicht vorhersehen.
Was ist eine Prämisse?
Eine Prämisse ist eine Aussage, die als Voraussetzung für eine Schlussfolgerung dient.
Prämisse 1: Alle Eintrittskarten müssen bezahlt werden.
Prämisse 2: Diese Karte ist eine Eintrittskarte.
Schluss: Diese Karte muss bezahlt werden.
Ob der Schluss überzeugt, hängt unter anderem davon ab, ob die verwendeten Prämissen stimmen und tatsächlich zum Schluss führen.
Was bedeutet Prosyllogismus?
Ein Prosyllogismus ist vereinfacht ein vorgeschalteter Hilfsschluss.
Statt direkt nach einer wichtigen Voraussetzung zu fragen, kann zunächst versucht werden, diese Voraussetzung selbst aus anderen Aussagen herzuleiten. Dadurch kann eine längere Kette entstehen.
Warum soll der Schluss verborgen bleiben?
Schopenhauer begründet dies damit, dass der Gegner eine Prämisse möglicherweise nicht zugibt, wenn er bereits erkennt, welche Konsequenz daraus gezogen werden soll.
Für unseren Kurs ist deshalb vor allem die andere Seite wichtig:
Erkenne, wenn viele scheinbar unabhängige Zustimmungen später zu einer Schlussfolgerung zusammengesetzt werden.
Zustimmung zu den Teilen – Zustimmung zum Ganzen?
Das folgende Beispiel wurde für unseren Kurs formuliert.
Lisa:
„Findest du, dass Überstunden möglichst vermieden werden sollten?“Tom:
„Ja.“Lisa:
„Und ist es sinnvoll, Aufgaben möglichst effizient zu organisieren?“Tom:
„Natürlich.“Lisa:
„Und brauchen wir wirklich für jede kleine Entscheidung eine Besprechung?“Tom:
„Nein.“Lisa:
„Dann können wir die wöchentliche Teambesprechung also abschaffen.“
Wie könnte Tom reagieren?
„Den einzelnen Punkten stimme ich weiterhin zu. Daraus folgt für mich aber noch nicht, dass unsere wöchentliche Besprechung überflüssig ist. Dafür müssten wir prüfen, welchen Zweck sie erfüllt.“
Man muss frühere Zugeständnisse nicht zurücknehmen, nur weil man der später daraus gezogenen Schlussfolgerung widerspricht.
Prüfe den Schluss – nicht nur die einzelnen Antworten
Stell dir folgendes Gespräch vor:
Person A:
„Findest du, dass man beim Autofahren unnötige Ablenkungen vermeiden sollte?“Person B:
„Ja.“A:
„Kann laute Musik manchmal ablenken?“B:
„Natürlich.“A:
„Dann sollte Musik im Auto also grundsätzlich verboten werden.“
„Wie genau folgt diese Schlussfolgerung aus dem, was ich gerade zugestanden habe?“
„Du stimmst also zu, dass …“
„Und du hast eben gesagt, dass …“
„Dann musst du doch auch zugeben, dass …“
Sie sind nicht automatisch problematisch. Sie sind aber ein guter Anlass, die gesamte Argumentkette noch einmal zu prüfen.
Das nimmst du mit
Bei Schopenhauers viertem Kunstgriff wird die beabsichtigte Schlussfolgerung zunächst verborgen.
- Die benötigten Prämissen werden einzeln und möglichst unauffällig abgefragt.
- Der Zusammenhang zwischen diesen Aussagen wird zunächst nicht deutlich gemacht.
- Erst nachdem mehrere Punkte zugestanden wurden, erscheint die eigentliche Schlussfolgerung.
- Auch mehrere wahre Prämissen garantieren nicht, dass jede daraus gezogene Schlussfolgerung richtig ist.
- Du darfst einzelnen Aussagen zustimmen und trotzdem bestreiten, dass der daraus gezogene Schluss folgt.
Folgt die Schlussfolgerung wirklich aus dem, was ich zugestanden habe?
Merksatz:
Prüfe nicht nur, ob die einzelnen Aussagen stimmen. Prüfe auch, ob der spätere Schluss tatsächlich aus ihnen folgt.
Kleine Abschlussübung
Wenn dir in einem Gespräch mehrere kurze Fragen nacheinander gestellt werden, beobachte zunächst:
- Welche Aussagen habe ich tatsächlich bestätigt?
- Welche Bedingungen gehörten zu diesen Aussagen?
- Welche Schlussfolgerung wird anschließend daraus gezogen?
- Ist dafür vielleicht noch eine weitere Voraussetzung nötig?
Besonders hilfreich ist die Frage: „Zeig mir bitte den Schritt von meinen Aussagen zu deiner Schlussfolgerung.“
Worin unterscheidet sich Kunstgriff 4 von den ersten drei?
Bei den ersten drei Kunstgriffen wurde vor allem die ursprüngliche Aussage verändert: Sie wurde erweitert, ein Begriff bekam eine andere Bedeutung oder eine Bedingung wurde verändert.
Bei Kunstgriff 4 rückt nun stärker der Aufbau der Argumentation in den Mittelpunkt. Schopenhauer beschäftigt sich damit, wie einzelne Voraussetzungen gesammelt werden, bevor die eigentliche Schlussfolgerung sichtbar wird.
Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik, Kunstgriff 4.