Kunstgriffe 1–4

Kunstgriff 3 – Von der Bedingung zur Allgemeinheit

Schopenhauer im Alltag

KUNSTGRIFF 3 · AUS „UNTER DIESER BEDINGUNG“ WIRD „IMMER“

Schritt 1 von 5Schritt 2 von 5Schritt 3 von 5Schritt 4 von 5Schritt 5 von 5

Stimmt die Aussage – oder sprechen wir plötzlich über etwas anderes?

Stell dir vor, jemand sagt:

„Das Restaurant ist mittags ziemlich günstig.“

Darauf antwortet jemand:

„Das stimmt überhaupt nicht. Abends kostet dort ein Menü fast 40 Euro.“

Wurde die erste Aussage damit widerlegt?

Nicht unbedingt.

Die erste Aussage bezog sich ausdrücklich auf mittags. Die Antwort spricht dagegen über abends.

Was ist hier passiert?
Nein.
Die hohen Abendpreise sagen zunächst nichts darüber aus, wie teuer das Restaurant mittags ist. Die ursprüngliche Bedingung wurde gewechselt.
Richtig.
Die ursprüngliche Behauptung galt nur unter einer bestimmten Bedingung. Die Antwort behandelt sie so, als wäre allgemein behauptet worden: „Dieses Restaurant ist immer günstig.“
Nein.
Die erste Person spricht über die Mittagszeit, die zweite über den Abend. Gerade dieser Unterschied ist entscheidend.

Was Schopenhauer beschreibt

Schopenhauers dritter Kunstgriff trägt keinen so kurzen deutschen Namen wie die beiden vorherigen.

Er verwendet dafür den Ausdruck:

Sophisma a dicto secundum quid ad dictum simpliciter

Vereinfacht bedeutet das:

Aus einer Aussage, die nur unter einer bestimmten Bedingung oder Hinsicht gilt, wird eine allgemein geltende Aussage gemacht.

Eine Behauptung kann zum Beispiel nur gelten:

  • zu einer bestimmten Zeit,
  • an einem bestimmten Ort,
  • unter bestimmten Bedingungen,
  • für einen bestimmten Zweck,
  • oder in einer bestimmten Hinsicht.

Wird diese Einschränkung ignoriert, entsteht eine andere Behauptung.

Einfach gesagt:

Aus „Unter diesen Bedingungen gilt X.“ wird plötzlich „X gilt immer und überall.“

Wie unterscheidet sich das von Kunstgriff 1?

Die beiden Kunstgriffe liegen sehr nahe beieinander.

Bei Kunstgriff 1 wird eine Aussage über ihre natürliche Grenze hinaus erweitert.

Bei Kunstgriff 3 steht besonders im Mittelpunkt, dass eine bestimmte Bedingung, Hinsicht oder Beziehung verloren geht.

Beispiel: „Dieses Angebot ist für Familien günstig.“ wird behandelt wie: „Dieses Angebot ist für jeden günstig.“

Warum kann das überzeugend wirken?

Weil die Gegenbehauptung durchaus wahr sein kann. Das Abendessen kann tatsächlich teuer sein. Ein Fahrrad kann für eine 100-Kilometer-Reise tatsächlich ungeeignet sein.

Nur widersprechen diese Tatsachen nicht automatisch der ursprünglichen, eingeschränkten Aussage.

Was empfiehlt sich als Gegenmittel?

Stelle die ursprüngliche Bedingung wieder her.

„Meine Aussage bezog sich ausdrücklich auf die Mittagszeit. Über die Abendpreise habe ich nichts gesagt.“

Damit bestreitest du nicht die neue Information. Du stellst lediglich klar, dass sie deine ursprüngliche Aussage nicht widerlegt.

Praktisch – aber wofür?

Das folgende Beispiel wurde für unseren Kurs formuliert.

Anna:
„Für kurze Wege in der Innenstadt ist ein Fahrrad sehr praktisch.“

Ben:
„Das stimmt doch nicht. Versuch einmal, damit mit vier Koffern 500 Kilometer in den Urlaub zu fahren.“

Annas AussageDas Fahrrad ist praktisch für kurze Wege in der Innenstadt.
Bens GegenbeispielDas Fahrrad ist unpraktisch für eine 500 Kilometer lange Reise mit viel Gepäck.
Hat Ben Annas Behauptung widerlegt?
Das war aber gar nicht Annas Behauptung.
Sie hat nicht gesagt, dass ein Fahrrad immer praktisch sei. Ihre Aussage bezog sich ausdrücklich auf kurze Stadtwege.
Richtig.
Bens Beispiel kann vollkommen zutreffend sein. Es steht aber nicht im Widerspruch zu Annas ursprünglicher Aussage.
Auch das wäre zu allgemein.
Wir müssen nicht behaupten, dass Fahrräder immer praktisch sind. Es reicht festzustellen, dass Ben über einen anderen Fall spricht als Anna.
Wie könnte Anna antworten?

„Für eine 500-Kilometer-Reise mit Koffern wäre ein Fahrrad tatsächlich unpraktisch. Ich habe aber von kurzen Wegen in der Innenstadt gesprochen.“

Diese Antwort ist besonders nützlich, weil Anna Bens Aussage nicht unnötig bestreitet. Sie akzeptiert sein Beispiel – und zeigt gleichzeitig, warum es ihre eigene Behauptung nicht widerlegt.

Dieser Dialog und die Antwort wurden für unseren Kurs formuliert und sind keine Zitate Schopenhauers.

Welche Bedingung wurde übergangen?

Stell dir folgende Situation vor:

Du:
„Für acht Personen ist dieser Raum groß genug.“

Dein Gegenüber:
„Das stimmt nicht. Bei unserer Weihnachtsfeier mit 30 Leuten wäre der Raum viel zu klein.“

Welche Antwort stellt den ursprünglichen Streitpunkt am besten wieder her?
Das ist zu ungenau.
Damit könntest du selbst eine absolute Behauptung daraus machen. Entscheidend ist die Zahl von acht Personen.
Richtig.
Du kannst die Aussage deines Gegenübers akzeptieren und gleichzeitig zeigen, dass sie deiner Behauptung nicht widerspricht. Die ursprüngliche Bedingung wird wieder sichtbar gemacht.
Das führt vom Streitpunkt weg.
Die eigentliche Frage lautet lediglich, ob der Raum für acht Personen ausreichend ist.
Praktische Formulierung:

„Das mag für diesen anderen Fall stimmen. Meine Aussage bezog sich aber auf …“

Achte auf Wörter wie:

„immer“, „grundsätzlich“, „überall“, „für jeden“, „nie“.

Sie können ein Hinweis darauf sein, dass aus einer eingeschränkten Aussage gerade eine allgemeine gemacht wurde.

Das nimmst du mit

Bei Schopenhauers drittem Kunstgriff wird eine eingeschränkt geltende Aussage so behandelt, als wäre sie allgemein oder in einer anderen Hinsicht aufgestellt worden.

  • Eine Aussage kann nur unter bestimmten Bedingungen gelten.
  • Diese Bedingung gehört zur Aussage und darf nicht einfach weggelassen werden.
  • Ein Gegenbeispiel aus einer anderen Situation widerlegt die ursprüngliche Behauptung nicht automatisch.
  • Die Gegenbehauptung kann sogar vollkommen richtig sein – und trotzdem am Streitpunkt vorbeigehen.
  • Die beste Reaktion besteht häufig darin, die ursprüngliche Bedingung wieder ausdrücklich zu nennen.
Prüffrage:

Unter welcher Bedingung oder in welcher Hinsicht wurde die ursprüngliche Aussage gemacht?

Merksatz:

Eine Aussage, die unter bestimmten Bedingungen gilt, muss nicht unter allen Bedingungen gelten. Ein Gegenbeispiel aus einem anderen Fall widerlegt sie deshalb nicht automatisch.
Kleine Abschlussübung

Achte in Diskussionen auf Aussagen wie:

  • „Für diesen Zweck …“
  • „In diesem Fall …“
  • „Unter diesen Umständen …“
  • „Bei kleinen Mengen …“
  • „Während dieser Zeit …“

Wenn darauf mit einem völlig anderen Fall geantwortet wird, frage dich: „Widerspricht dieses Beispiel wirklich meiner Aussage – oder gilt es nur unter anderen Bedingungen?“

Was verbindet die ersten drei Kunstgriffe?

Schopenhauer weist selbst darauf hin, dass Kunstgriff 1, 2 und 3 miteinander verwandt sind.

  • Kunstgriff 1: Die Behauptung wird erweitert.
  • Kunstgriff 2: Die Bedeutung eines Wortes verändert sich.
  • Kunstgriff 3: Eine Bedingung oder Hinsicht der Behauptung wird verändert oder weggelassen.

Die Dialoge, Übungen und Antwortvorschläge dieser Lektion wurden für unseren Kurs erstellt und sind keine Zitate Schopenhauers.

Grundlage

Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik, Kunstgriff 3.