Kunstgriffe 1–4

Kunstgriff 2 – Homonymie

Schopenhauer im Alltag

KUNSTGRIFF 2 · HOMONYMIE

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Dasselbe Wort – aber dieselbe Bedeutung?

Stell dir vor, jemand sagt:

„Die wissenschaftliche Forschung sollte frei sein.“

Darauf antwortet jemand:

„Wie soll Forschung denn kostenlos sein? Labore und Mitarbeiter kosten schließlich Geld.“

Was ist hier passiert?

Beide Personen benutzen dasselbe Wort: „frei“. Aber sie benutzen es nicht in derselben Bedeutung.

Welche Erklärung trifft am besten zu?
Nein.
In der ersten Aussage kann „frei“ unabhängig oder ungehindert bedeuten. Die Antwort deutet „frei“ dagegen als kostenlos.
Richtig.
Das Wort bleibt gleich – seine Bedeutung verändert sich. Genau auf solchen Bedeutungsverschiebungen beruht Schopenhauers zweiter Kunstgriff.
Nein.
Die ursprüngliche Aussage wurde gar nicht geprüft. Stattdessen wurde das Wort „frei“ in einer anderen Bedeutung aufgegriffen.

Was bedeutet Homonymie?

Schopenhauer nennt seinen zweiten Kunstgriff:

Homonymie

Ein Homonym ist ein Wort, das verschiedene Begriffe beziehungsweise Bedeutungen bezeichnen kann.

Schopenhauer unterscheidet:

SynonymeVerschiedene Wörter bezeichnen denselben oder einen sehr ähnlichen Begriff.

Beispiel: ehrlich – redlich
HomonymeDasselbe Wort kann verschiedene Begriffe bezeichnen.

Beispiel: tief
Ein tiefer See.
Ein tiefer Ton.

Beim Kunstgriff wird eine Aussage in einer bestimmten Bedeutung gemacht. Anschließend wird dasselbe Wort in einer anderen Bedeutung aufgegriffen und diese andere Aussage widerlegt.

Das Problem:

Es sieht so aus, als sei die ursprüngliche Behauptung widerlegt worden. Tatsächlich wurde aber über etwas anderes gesprochen.

Ein ganz offensichtliches Beispiel

Jemand sagt: „Das war eine schwere Entscheidung.“

Die Antwort lautet: „Eine Entscheidung wiegt doch überhaupt nichts.“

Das Wort „schwer“ bedeutet hier einmal schwierig und einmal von großem Gewicht.

Warum sind feinere Fälle interessanter?

Schopenhauer weist darauf hin, dass der Trick besonders dann täuschen kann, wenn die unterschiedlichen Bedeutungen eng miteinander verwandt sind.

Dann fällt der Bedeutungswechsel nicht sofort auf. Genau deshalb lohnt es sich, bei wichtigen Begriffen zu fragen:

„Benutzen wir dieses Wort eigentlich noch in derselben Bedeutung?“

Ein Bedeutungswechsel, der weniger auffällt

Das folgende Beispiel haben wir für unseren Kurs formuliert.

Anna:
„Wir sollten den neuen Vertrag kritisch prüfen.“

Ben:
„Warum bist du denn grundsätzlich gegen den Vertrag?“

Was hat Anna mit „kritisch prüfen“ gemeint?

sorgfältig prüfen, Fragen stellen und mögliche Schwachstellen untersuchen.

Ben versteht „kritisch“ dagegen als:

ablehnend oder grundsätzlich negativ eingestellt sein.
Was ist dadurch passiert?
Nein.
Eine kritische Prüfung bedeutet nicht automatisch Ablehnung. Man kann etwas sorgfältig prüfen und anschließend trotzdem zustimmen.
Richtig.
Aus „kritisch prüfen“ wird „grundsätzlich dagegen sein“. Der gleiche Ausdruck führt plötzlich zu einer anderen Behauptung.
Nein.
Über die Qualität des Vertrags wurde überhaupt noch nichts bewiesen. Die Diskussion ist lediglich auf die Haltung Annas verschoben worden.
Wie könnte Anna reagieren?

„Mit kritisch meine ich sorgfältig prüfend, nicht grundsätzlich ablehnend. Ob der Vertrag gut ist, möchte ich gerade erst herausfinden.“

Damit erklärt Anna zunächst, in welcher Bedeutung sie den Begriff verwendet hat.

Diese Antwort ist unsere heutige Anwendung und kein Zitat Schopenhauers.

Erkennst du den Bedeutungswechsel?

Lies den folgenden erfundenen Dialog:

Lisa:
„Bei kreativen Aufgaben brauchen die Mitarbeiter etwas mehr Freiheit.“

Tom:
„Ohne Regeln funktioniert kein Unternehmen. Jeder kann doch nicht einfach machen, was er will.“

Lisa verwendet „Freiheit“ im Zusammenhang mit Spielraum bei kreativen Aufgaben. Tom behandelt das Wort dagegen so, als bedeute es völlige Regellosigkeit.

Welche Antwort klärt den Begriff am besten?
Das wäre eine neue Behauptung.
Lisa hatte gar nicht gefordert, sämtliche Regeln abzuschaffen.
Richtig.
Die Antwort stellt klar, welche Bedeutung des Wortes gemeint war. Damit kann anschließend wieder über die eigentliche Sachfrage gesprochen werden.
Das klärt die Sache nicht.
Die Antwort greift die Person an, erklärt aber nicht, was mit „Freiheit“ gemeint war.
Praktische Frage für Diskussionen:

„Was meinst du mit diesem Wort genau?“

Oder:

„Ich benutze den Begriff hier in folgender Bedeutung …“

Das nimmst du mit

Bei Schopenhauers zweitem Kunstgriff bleibt das Wort gleich, während seine Bedeutung wechselt.

  • Dasselbe Wort kann unterschiedliche Begriffe bezeichnen.
  • Wird die Bedeutung während einer Diskussion unbemerkt verändert, kann scheinbar eine andere Behauptung entstehen.
  • Eine Widerlegung dieser neuen Bedeutung widerlegt nicht automatisch die ursprüngliche Aussage.
  • Besonders schwer erkennbar sind Fälle, in denen die Bedeutungen eng miteinander verwandt sind.
  • Eine gute Gegenreaktion besteht darin, die Bedeutung des verwendeten Begriffs ausdrücklich zu klären.
Prüffrage:

Benutzen wir dieses Wort eigentlich noch in derselben Bedeutung?

Merksatz:

Dasselbe Wort bedeutet nicht automatisch dasselbe. Wenn sich die Bedeutung verändert, kann sich unbemerkt auch der Streitpunkt verändern.
Kleine Abschlussübung

Achte bei deiner nächsten Diskussion auf Wörter wie:

  • frei
  • kritisch
  • sicher
  • gerecht
  • offen
  • Verantwortung

Frage dich: „Welche Bedeutung hatte das Wort am Anfang – und welche Bedeutung hat es jetzt?“

Die Dialoge, Übungen und Antwortvorschläge dieser Lektion wurden für unseren Kurs erstellt und sind keine Zitate Schopenhauers.

Grundlage

Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik, Kunstgriff 2: Homonymie.