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Dasselbe Wort – aber dieselbe Bedeutung?
Stell dir vor, jemand sagt:
„Die wissenschaftliche Forschung sollte frei sein.“
Darauf antwortet jemand:
„Wie soll Forschung denn kostenlos sein? Labore und Mitarbeiter kosten schließlich Geld.“
Beide Personen benutzen dasselbe Wort: „frei“. Aber sie benutzen es nicht in derselben Bedeutung.
Was bedeutet Homonymie?
Schopenhauer nennt seinen zweiten Kunstgriff:
Ein Homonym ist ein Wort, das verschiedene Begriffe beziehungsweise Bedeutungen bezeichnen kann.
Schopenhauer unterscheidet:
Beispiel: ehrlich – redlich
Beispiel: tief
Ein tiefer See.
Ein tiefer Ton.
Beim Kunstgriff wird eine Aussage in einer bestimmten Bedeutung gemacht. Anschließend wird dasselbe Wort in einer anderen Bedeutung aufgegriffen und diese andere Aussage widerlegt.
Es sieht so aus, als sei die ursprüngliche Behauptung widerlegt worden. Tatsächlich wurde aber über etwas anderes gesprochen.
Ein ganz offensichtliches Beispiel
Jemand sagt: „Das war eine schwere Entscheidung.“
Die Antwort lautet: „Eine Entscheidung wiegt doch überhaupt nichts.“
Das Wort „schwer“ bedeutet hier einmal schwierig und einmal von großem Gewicht.
Warum sind feinere Fälle interessanter?
Schopenhauer weist darauf hin, dass der Trick besonders dann täuschen kann, wenn die unterschiedlichen Bedeutungen eng miteinander verwandt sind.
Dann fällt der Bedeutungswechsel nicht sofort auf. Genau deshalb lohnt es sich, bei wichtigen Begriffen zu fragen:
„Benutzen wir dieses Wort eigentlich noch in derselben Bedeutung?“
Ein Bedeutungswechsel, der weniger auffällt
Das folgende Beispiel haben wir für unseren Kurs formuliert.
Anna:
„Wir sollten den neuen Vertrag kritisch prüfen.“Ben:
„Warum bist du denn grundsätzlich gegen den Vertrag?“
Was hat Anna mit „kritisch prüfen“ gemeint?
Ben versteht „kritisch“ dagegen als:
Wie könnte Anna reagieren?
„Mit kritisch meine ich sorgfältig prüfend, nicht grundsätzlich ablehnend. Ob der Vertrag gut ist, möchte ich gerade erst herausfinden.“
Damit erklärt Anna zunächst, in welcher Bedeutung sie den Begriff verwendet hat.
Erkennst du den Bedeutungswechsel?
Lies den folgenden erfundenen Dialog:
Lisa:
„Bei kreativen Aufgaben brauchen die Mitarbeiter etwas mehr Freiheit.“Tom:
„Ohne Regeln funktioniert kein Unternehmen. Jeder kann doch nicht einfach machen, was er will.“
Lisa verwendet „Freiheit“ im Zusammenhang mit Spielraum bei kreativen Aufgaben. Tom behandelt das Wort dagegen so, als bedeute es völlige Regellosigkeit.
„Was meinst du mit diesem Wort genau?“
Oder:
„Ich benutze den Begriff hier in folgender Bedeutung …“
Das nimmst du mit
Bei Schopenhauers zweitem Kunstgriff bleibt das Wort gleich, während seine Bedeutung wechselt.
- Dasselbe Wort kann unterschiedliche Begriffe bezeichnen.
- Wird die Bedeutung während einer Diskussion unbemerkt verändert, kann scheinbar eine andere Behauptung entstehen.
- Eine Widerlegung dieser neuen Bedeutung widerlegt nicht automatisch die ursprüngliche Aussage.
- Besonders schwer erkennbar sind Fälle, in denen die Bedeutungen eng miteinander verwandt sind.
- Eine gute Gegenreaktion besteht darin, die Bedeutung des verwendeten Begriffs ausdrücklich zu klären.
Benutzen wir dieses Wort eigentlich noch in derselben Bedeutung?
Merksatz:
Dasselbe Wort bedeutet nicht automatisch dasselbe. Wenn sich die Bedeutung verändert, kann sich unbemerkt auch der Streitpunkt verändern.
Kleine Abschlussübung
Achte bei deiner nächsten Diskussion auf Wörter wie:
- frei
- kritisch
- sicher
- gerecht
- offen
- Verantwortung
Frage dich: „Welche Bedeutung hatte das Wort am Anfang – und welche Bedeutung hat es jetzt?“
Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik, Kunstgriff 2: Homonymie.