Kunstgriffe 1–4

Kunstgriff 1 – Die Erweiterung

Schopenhauer im Alltag

KUNSTGRIFF 1 · DIE ERWEITERUNG

Schritt 1 von 5Schritt 2 von 5Schritt 3 von 5Schritt 4 von 5Schritt 5 von 5

Aus einer kleinen Aussage wird plötzlich eine große

Stell dir vor, du sagst:

„Ich finde, Kinder sollten in der Grundschule nicht ständig mit dem Smartphone beschäftigt sein.“

Darauf antwortet jemand:

„Du willst Kindern also moderne Technik verbieten.“

Moment.

Hast du das wirklich gesagt?

Was ist in diesem Gespräch passiert?
Nicht ganz.
Die ursprüngliche Aussage bezog sich auf Smartphones in der Grundschule. Daraus wurde eine wesentlich allgemeinere Aussage über ein angebliches Verbot moderner Technik.
Richtig.
Die Grenzen der ursprünglichen Aussage wurden erweitert. Genau mit diesem Vorgang beschäftigt sich Schopenhauers erster Kunstgriff.
Nein.
Zwischen einer Aussage über die Nutzung von Smartphones in einer bestimmten Situation und einem allgemeinen Technikverbot besteht ein deutlicher Unterschied.

Was Schopenhauer beschreibt

Schopenhauer nennt den ersten Kunstgriff:

„Die Erweiterung“

Gemeint ist: Die Behauptung des Gegenübers wird weiter gefasst, als sie ursprünglich gemeint war.

Eine Aussage, die nur für einen bestimmten Fall, einen bestimmten Zeitraum oder unter bestimmten Bedingungen gelten sollte, wird so behandelt, als wäre sie eine viel allgemeinere Behauptung.

Dadurch wird sie leichter angreifbar.

Der entscheidende Mechanismus:

Die Grenzen einer Aussage werden verschoben.

Warum macht eine Erweiterung eine Aussage leichter angreifbar?

Je allgemeiner eine Aussage formuliert ist, desto mehr Fälle muss sie erfassen.

Eine Aussage wie „Während unseres Abendessens sollten wir die Handys weglegen“ ist wesentlich enger als „Menschen sollten ihr Handy nicht benutzen dürfen“.

Gegen die zweite, viel allgemeinere Aussage lassen sich deshalb leichter Einwände finden.

Was ist das Gegenmittel?

Schopenhauer nennt als Gegenmittel die genaue Festlegung des status controversiae beziehungsweise puncti controversiae (des genauen Streitpunkts).

Für unseren heutigen Alltag bedeutet das:

Was habe ich tatsächlich behauptet – und was nicht?
Muss hinter einer Erweiterung immer Absicht stecken?

Nein. Nicht jede falsche Zusammenfassung oder Verallgemeinerung ist automatisch ein bewusst eingesetzter Kunstgriff.

Menschen können einander auch schlicht missverstehen. Deshalb ist es oft sinnvoller, zunächst die Aussage zu präzisieren, statt der anderen Person sofort eine manipulative Absicht zu unterstellen.

Wo liegt die Erweiterung?

Das folgende Gespräch ist ein von uns formuliertes Alltagsbeispiel.

Lisa:
„Ich finde, in unserem Büro sollten wichtige Besprechungen nicht ständig durch private Nachrichten unterbrochen werden.“

Tom:
„Jetzt willst du den Leuten also private Nachrichten am Arbeitsplatz verbieten.“

Lisas tatsächliche AussageWichtige Besprechungen sollten nicht ständig durch private Nachrichten unterbrochen werden.
Toms DarstellungPrivate Nachrichten am Arbeitsplatz sollen verboten werden.
Welche Beschreibung trifft am genauesten zu?
Nein.
Lisa spricht nur über Unterbrechungen während wichtiger Besprechungen. Sie fordert kein allgemeines Verbot privater Nachrichten.
Richtig.
Aus einer begrenzten Aussage wird eine wesentlich allgemeinere Forderung. Der ursprüngliche Streitpunkt wurde erweitert.
Das hat Lisa nicht behauptet.
Ihre Aussage bezog sich ausschließlich auf Unterbrechungen während wichtiger Besprechungen.
Wie könnte Lisa reagieren?

Eine mögliche Antwort lautet:

„Ich spreche nicht von einem allgemeinen Verbot. Mir geht es ausschließlich darum, wichtige Besprechungen nicht durch private Nachrichten zu unterbrechen.“

Lisa verteidigt damit nicht die erweiterte Aussage. Sie stellt zuerst klar, was sie tatsächlich behauptet hat.

Diese Antwort wurde für unseren Kurs formuliert und ist kein Zitat Schopenhauers.

Wie bringst du das Gespräch zurück zum Streitpunkt?

Stell dir folgende Situation vor:

Du:
„Ich möchte nicht, dass wir bei jeder kleinen Anschaffung sofort einen Kredit aufnehmen.“

Dein Gegenüber:
„Dann bist du also grundsätzlich gegen Kredite.“

Welche Antwort bringt das Gespräch am besten zur ursprünglichen Aussage zurück?
Richtig.
Die Antwort stellt die Grenze der ursprünglichen Behauptung wieder her. Es geht nicht um Kredite allgemein, sondern um Kredite für jede kleine Anschaffung.
Diese Antwort hilft wenig.
Sie greift die andere Person an, klärt aber nicht, was ursprünglich behauptet wurde.
Damit würdest du die Erweiterung übernehmen.
Die neue, allgemeinere Behauptung stammt aber gar nicht aus deiner ursprünglichen Aussage.
Eine hilfreiche Frage für den Alltag:

„Reden wir noch über das, was ich tatsächlich gesagt habe?“

Das nimmst du mit

Schopenhauers erster Kunstgriff zeigt, wie sich eine Diskussion verändern kann, wenn die Grenzen einer Behauptung verschoben werden.

  • Eine begrenzte Aussage kann zu einer viel allgemeineren Behauptung erweitert werden.
  • Die erweiterte Aussage ist häufig leichter anzugreifen als das ursprünglich Gesagte.
  • Das Gegenmittel besteht darin, den genauen Streitpunkt wiederherzustellen.
  • Du musst eine Behauptung, die du gar nicht aufgestellt hast, nicht verteidigen.
  • Nicht jede Erweiterung geschieht absichtlich. Auch Missverständnisse sind möglich.
Prüffrage:

Habe ich das tatsächlich behauptet?

Merksatz:

Wenn dir eine stärkere oder allgemeinere Aussage zugeschrieben wird, kläre zuerst die Grenzen deiner ursprünglichen Behauptung.
Kleine Abschlussübung für deinen Alltag

Erinnere dich an eine Diskussion, bei der jemand deine Aussage mit Worten wie „Du meinst also grundsätzlich …“ oder „Dann willst du also immer …“ zusammengefasst hat.

Frage dich: Was hatte ich tatsächlich gesagt? Welche Grenze hatte meine Aussage? Wurde diese Grenze in der Antwort erweitert?

Die Dialoge, Übungen und Antwortvorschläge dieser Lektion sind Anwendungen für unseren Kurs und keine Zitate Schopenhauers.

Grundlage

Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik, Kunstgriff 1: „Die Erweiterung“.