Dein Lernziel: Du kannst einen sachlichen Einwand gegen deinen eigenen Vorschlag formulieren, ohne ihn abzuschwächen oder der Gegenseite unbelegte Motive zuzuschreiben.
Die folgenden Situationen und Dialoge sind fiktive Lernfälle. Öffne die Rückmeldungen nach deiner eigenen Bearbeitung. Die offenen Aufgaben kannst du für dich oder auf Papier beantworten.
Textgrundlage, Übersetzung und Zitierweise
Wir zitieren Aristoteles’ Rhetorik in drei Büchern nach der deutschen Übersetzung von Heinrich Knebel: Aristoteles Rhetorik. Übersetzt und erläutert. Stuttgart: P. Balz’sche Buchhandlung, 1838.
Für dieses Modul wurden die Druckseiten 12–14, 17 und 19–20 am Scan des Exemplars der Bayerischen Staatsbibliothek geprüft. Die digitale Bereitstellung erfolgt unter der Kennung 10234855bsb. Angegeben werden die gedruckten Seitenzahlen, nicht die um 14 höheren PDF-Seitenzahlen dieser Scanfolge.
Die Bekker-Angaben (ausgabenübergreifende Stellenzählung nach Seite, Spalte und gegebenenfalls Zeile) ergänzen die Druckseiten. Beispiel: 1356a bezeichnet die Seite 1356, linke Spalte; eine anschließende Zahl bezeichnet eine Zeile.
Zur Textgrundlage der Übersetzung: Das Vorwort nennt Bekkers griechische Textausgabe und die Scholiensammlung von Brandis (Sammlung überlieferter Erläuterungen). Knebels Einleitung nennt außerdem den Kommentar von Petrus Victorius und erläutert die Benutzung weiterer Übersetzungen. Daraus ergibt sich keine ausschließlich auf eine bestimmte Handschrift zurückführbare Überlieferungslinie. Der Kurs beansprucht keine eigene Rekonstruktion des griechischen Textes.
In den kurzen Zitatauszügen bleiben Wortlaut und historische Rechtschreibung erhalten. Rein drucktechnische Zeilenumbrüche, Worttrennungen am Zeilenende und Sperrsatz werden nicht nachgebildet; das lange Fraktur-s wird als gewöhnliches s wiedergegeben. Begriffserklärungen stehen außerhalb des Zitats. Die Zitate sind ausdrücklich ausgewählte Ausschnitte, nicht vollständige Kapitelübersetzungen.
Digitalisat: https://archive.org/details/10234855bsb
Schritt 1 von 5: Ein Einwand, den du nicht hören willst
Euer Verein erwägt, den Jahresbeitrag von 30 auf 40 Euro zu erhöhen. Im Übungsfall steht fest: Bei unveränderter Mitgliederzahl und vollständiger Zahlung ergäben sich dadurch zusätzliche Einnahmen von 1.000 Euro im Jahr. Eine vereinbarte Raummieterhöhung kostet genau diesen Betrag zusätzlich.
Du unterstützt die Erhöhung. Eine andere Person sagt:
„Zehn Euro mehr können für manche Mitglieder trotzdem eine Belastung sein.“
Dein erster Impuls lautet:
„Du willst also, dass wir unsere Rechnungen nicht mehr bezahlen können?“
Deine Aufgabe: Hat die andere Person das tatsächlich behauptet?
Rückmeldung – aufklappen
Nein. Sie hat eine mögliche Belastung der Mitglieder angesprochen. Ob sie andere Einsparmöglichkeiten, eine Ermäßigung oder eine andere Finanzierung befürwortet, wissen wir noch nicht.
Deine Antwort macht aus ihrem Einwand eine weitergehende Behauptung. Du würdest damit etwas angreifen, das bisher nicht gesagt wurde.
Schritt 2 von 5: Den Einwand in seiner sachlichen Form erfassen
Deine Aufgabe: Formuliere zunächst den stärksten Grund für die Erhöhung und dann den tatsächlich vorgebrachten Einwand. Verzichte auf Vermutungen über die Motive anderer.
Eine mögliche Antwort – aufklappen
„Für die Erhöhung spricht, dass sie bei unveränderter Mitgliederzahl und vollständiger Zahlung die zusätzliche Raummiete decken würde.“
„Dagegen ist zu bedenken, dass der höhere Beitrag für einzelne Mitglieder eine zusätzliche Belastung darstellen kann.“
Beide Sätze können nebeneinander zutreffen. Der Einwand macht die höhere Raummiete nicht unwahr. Die höhere Raummiete macht die Belastungsfrage nicht bedeutungslos.
Erst jetzt lässt sich genauer untersuchen, wie der Verein mit beiden Gesichtspunkten umgehen will.
Schritt 3 von 5: Bei Aristoteles nachlesen
Aristoteles verlangt die Fähigkeit, auch entgegengesetzte Behauptungen zu untersuchen. Er vergleicht die Redekunst dabei mit der Dialektik (hier: der methodischen Prüfung von Aussagen im argumentativen Austausch).
Knebel übersetzt:
„Von den übrigen Künsten sucht keine Entgegengesetztes zu beweisen, blos die Dialektik und Redekunst thun das, denn beide sind entgegengesetzten Behauptungen gleich dienstbar.“
Fundstelle: Rhetorik I 1, 1355a; Knebel 1838, Druckseite 12.
Unmittelbar davor begründet Aristoteles, weshalb diese Fähigkeit nützlich ist: Der Sachverhalt soll nicht verborgen bleiben; außerdem soll man einem ungerechten Gebrauch der Rede entgegentreten können. Er sagt ausdrücklich nicht, dass man deshalb auch das Schlechte vertreten solle.
Unsere Anwendung: Wir lassen die Teilnehmer einen Einwand zunächst korrekt formulieren. Das ist unsere Übung zur Prüfung beider Seiten. Die heute oft verwendete Regel, stets die stärkste Fassung der Gegenseite zu bilden, geben wir damit nicht als wörtlichen Satz des Aristoteles aus.
Schritt 4 von 5: Eine Antwort, die den Einwand trifft
Antworte auf die Sorge um die finanzielle Belastung. Du darfst eine Prüfung vorschlagen, aber keine bisher unbekannte Finanzierung als bereits gesichert darstellen.
Eine mögliche Antwort – aufklappen
„Der zusätzliche Betrag deckt unter den genannten Voraussetzungen unsere höhere Raummiete. Deinen Einwand zur Belastung einzelner Mitglieder halte ich trotzdem für relevant. Wir sollten klären, ob eine Ermäßigung finanzierbar ist oder ob es andere Einsparmöglichkeiten gibt, bevor wir die endgültige Regelung beschließen.“
Diese Antwort gibt den Grund für die Erhöhung nicht auf. Sie erklärt den Einwand auch nicht vorschnell für erledigt.
Weitere Denkfrage: Was wäre zu tun, wenn sich herausstellt, dass viele Mitglieder wegen der Erhöhung austreten würden?
Rückmeldung – aufklappen
Dann müsste die ursprüngliche Einnahmenrechnung mit den neuen Angaben erneut geprüft werden. Ihre Voraussetzung „unveränderte Mitgliederzahl“ wäre nicht mehr erfüllt. Das wäre eine sachliche Änderung der Entscheidungsgrundlage.
Schritt 5 von 5: Was du mitnimmst
Die Gegenseite verstehen bedeutet nicht, ihr automatisch recht zu geben. Es bedeutet, die tatsächlich strittige Frage zu bearbeiten.
Selbstprüfung: Könnte dein Gegenüber seine Aussage in deiner Wiedergabe wiedererkennen?
Merksatz des Kurses: Antworte auf den Einwand, der tatsächlich vorliegt.
Quellennachweis: Aristoteles, Rhetorik I 1, 1355a, Abschnitt über den Nutzen der Prüfung entgegengesetzter Behauptungen; Heinrich Knebel, Stuttgart 1838, S. 12.