Dein Lernziel: Du erkennst, ob ein Gespräch auf eine künftige Entscheidung, die Beurteilung einer vergangenen Handlung oder auf Lob und Tadel zielt.
Die folgenden Situationen und Dialoge sind fiktive Lernfälle. Öffne die Rückmeldungen nach deiner eigenen Bearbeitung. Die offenen Aufgaben kannst du für dich oder auf Papier beantworten.
Textgrundlage, Übersetzung und Zitierweise
Wir zitieren Aristoteles’ Rhetorik in drei Büchern nach der deutschen Übersetzung von Heinrich Knebel: Aristoteles Rhetorik. Übersetzt und erläutert. Stuttgart: P. Balz’sche Buchhandlung, 1838.
Für dieses Modul wurden die Druckseiten 12–14, 17 und 19–20 am Scan des Exemplars der Bayerischen Staatsbibliothek geprüft. Die digitale Bereitstellung erfolgt unter der Kennung 10234855bsb. Angegeben werden die gedruckten Seitenzahlen, nicht die um 14 höheren PDF-Seitenzahlen dieser Scanfolge.
Die Bekker-Angaben (ausgabenübergreifende Stellenzählung nach Seite, Spalte und gegebenenfalls Zeile) ergänzen die Druckseiten. Beispiel: 1356a bezeichnet die Seite 1356, linke Spalte; eine anschließende Zahl bezeichnet eine Zeile.
Zur Textgrundlage der Übersetzung: Das Vorwort nennt Bekkers griechische Textausgabe und die Scholiensammlung von Brandis (Sammlung überlieferter Erläuterungen). Knebels Einleitung nennt außerdem den Kommentar von Petrus Victorius und erläutert die Benutzung weiterer Übersetzungen. Daraus ergibt sich keine ausschließlich auf eine bestimmte Handschrift zurückführbare Überlieferungslinie. Der Kurs beansprucht keine eigene Rekonstruktion des griechischen Textes.
In den kurzen Zitatauszügen bleiben Wortlaut und historische Rechtschreibung erhalten. Rein drucktechnische Zeilenumbrüche, Worttrennungen am Zeilenende und Sperrsatz werden nicht nachgebildet; das lange Fraktur-s wird als gewöhnliches s wiedergegeben. Begriffserklärungen stehen außerhalb des Zitats. Die Zitate sind ausdrücklich ausgewählte Ausschnitte, nicht vollständige Kapitelübersetzungen.
Digitalisat: https://archive.org/details/10234855bsb
Schritt 1 von 5: Drei Antworten auf drei verschiedene Fragen
Nach einem Vereinsfest diskutiert ihr über die Organisation.
Eine Person sagt:
„Wir sollten nächstes Jahr die Essensausgabe früher öffnen.“
Eine zweite antwortet:
„Daran war ich nicht schuld. Die Lieferzeit war mit dem Anbieter so vereinbart.“
Eine dritte ergänzt:
„Trotzdem haben die Helfer einen großartigen Einsatz gezeigt.“
Deine Aufgabe: Formuliere zu jeder Aussage die Frage, auf die sie tatsächlich antwortet.
Rückmeldung – aufklappen
Die erste Aussage antwortet ungefähr auf: „Was sollen wir künftig tun?“
Die zweite auf: „Wer trägt Verantwortung für das Geschehene?“
Die dritte auf: „Wie ist der Einsatz der Helfer zu würdigen?“
Alle drei Fragen können berechtigt sein. Aber eine Antwort auf die eine Frage klärt nicht automatisch die anderen.
Schritt 2 von 5: Weshalb das Gespräch im Kreis läuft
Du wiederholst, dass die Essensausgabe künftig früher beginnen sollte. Dein Gegenüber verteidigt erneut die damalige Bestellung.
Denkfrage: Welche kurze Rückfrage könnte klären, auf welcher Ebene ihr gerade sprecht?
Eine mögliche Antwort – aufklappen
„Möchtest du zuerst klären, wer für die damalige Verzögerung verantwortlich war, oder können wir schon besprechen, welche Öffnungszeit für das nächste Fest sinnvoll ist?“
Die Frage entscheidet nicht vorab, dass die Vergangenheit unwichtig sei. Sie macht die unterschiedlichen Gesprächsaufgaben sichtbar.
Das ist unsere heutige Gesprächsanwendung. Sie ist keine wörtliche Anweisung aus Aristoteles’ Werk.
Schritt 3 von 5: Bei Aristoteles nachlesen
Aristoteles verbindet die Arten der Rede mit der Aufgabe der Zuhörer. Eine seiner Bestimmungen lautet:
„Zur Berathung gehört das Anrathen und Abrathen; denn immer thun sowohl die, welche Einzelnen Rath ertheilen, als die, welche in Staatsangelegenheiten öffentlich auftreten, eines von beiden.“
„Berathung“, „Anrathen“ und „Abrathen“ sind die historischen Schreibweisen für Beratung, Anraten und Abraten.
Fundstelle des Zitats: Rhetorik I 3, 1358b; Knebel 1838, Druckseite 19.
Im Zusammenhang unterscheidet Aristoteles:
- Beratende Rede: Sie rät zu einer künftigen Handlung oder von ihr ab; Nutzen und Schaden stehen im Mittelpunkt.
- Gerichtliche Rede: Sie klagt an oder verteidigt im Hinblick auf Vergangenes; Recht und Unrecht stehen im Mittelpunkt.
- Lob- und Tadelrede: Sie würdigt oder missbilligt; im Mittelpunkt stehen das Ehrenvolle und sein Gegenteil.
Knebel nennt die dritte Gattung „rein künstlerisch“. Damit ist an dieser Stelle die Lob- und Tadelrede gemeint, nicht eine Rede über Kunstwerke.
Unsere Übertragung: Ein Vereinsgespräch ist kein antikes Gerichtsverfahren. Dennoch hilft die Unterscheidung dabei, Zukunftsplanung, Verantwortungsfrage und Würdigung auseinanderzuhalten. Die Zuordnung richtet sich nach der Gesprächsaufgabe, nicht bloß nach der verwendeten Zeitform.
Schritt 4 von 5: Eine Vergangenheit, zwei Verwendungen
Vergleiche:
„Bei der letzten Veranstaltung blieben viele Gäste bis zum Ende. Das sollten wir bei der Planung des nächsten Programms berücksichtigen.“
„Die Helfer blieben bei der letzten Veranstaltung bis zum Ende. Dafür verdienen sie unseren Dank.“
Deine Aufgabe: Beide Aussagen beziehen sich auf Vergangenes. Verfolgen sie deshalb dasselbe Ziel?
Rückmeldung – aufklappen
Nein. Die erste verwendet eine vergangene Beobachtung für eine künftige Planung. Die zweite verwendet Vergangenes zur Würdigung der Helfer.
Die Erwähnung eines vergangenen Ereignisses macht eine Rede also nicht automatisch zu einer Anklage oder Verteidigung.
Eigene Formulierung: Schreibe einen Satz, mit dem du in einem Gespräch ausdrücklich zur Zukunftsplanung überleitest.
Mögliche Antwort – aufklappen
„Die damaligen Absprachen haben wir jetzt geklärt. Für das nächste Fest bleibt die Frage, welche Öffnungszeit wir festlegen.“
Schritt 5 von 5: Was du mitnimmst
Manche Gespräche stocken, weil die Beteiligten unterschiedliche Fragen beantworten. Die Klärung der Aufgabe kann deshalb vor der Suche nach weiteren Gründen stehen.
Selbstprüfung: Könnten alle Beteiligten dieselbe Frage nennen, über die gerade entschieden werden soll?
Merksatz des Kurses: Kläre die Frage, bevor du die Antwort verteidigst.
Quellennachweis: Aristoteles, Rhetorik I 3, 1358a–1358b, insbesondere die Bestimmung der Gattungen, Zeitbezüge und Ziele in 1358b; Heinrich Knebel, Stuttgart 1838, S. 19–20.